Wenn Liebe nicht als Liebe ankommt
Ihr liebt Euch – und trotzdem fühlt sich einer von Euch nicht geliebt? Unterschiedliche Bedürfnisse und Zeichen von Zuneigung können dazu führen, dass Ihr aneinander vorbeiredet.
„Ich glaube, unsere Ehe ist vorbei. Aber ich möchte uns noch eine letzte Chance geben.“ Mit diesem Satz kam eine Frau mit ihrem Mann zu mir ins Coaching. Sie hatte Tränen in den Augen. Er wirkte still und in sich zurückgezogen.
Ich fragte ihn, ob er seine Frau noch liebe. Seine Antwort war klar: „Ja.“ Doch er verstand nicht, warum sie sich nicht geliebt fühlte. Sie wiederum erlebte sein Verhalten als Zeichen dafür, dass er sich keine Mühe mehr gab.
Beide sprachen über Liebe – und meinten etwas anderes.
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Was sich nach dem Zusammenziehen verändert hatte
Das Paar hatte mehrere Jahre eine Fernbeziehung geführt. An den gemeinsamen Wochenenden brachte der Mann seiner Partnerin oft eine Kleinigkeit mit: Blumen, Pralinen oder eine Idee für eine gemeinsame Unternehmung. Für sie bedeuteten diese Aufmerksamkeiten: „Du hast an mich gedacht. Du hast Dir Gedanken gemacht. Ich bin Dir etwas wert.“
Seit sie zusammenlebten, gab es solche Überraschungen kaum noch. Geschenke gab es zu Geburtstagen und besonderen Anlässen, aber nicht mehr einfach so. Der Mann war irritiert: „Ich kann doch nicht jeden Tag Blumen mitbringen.“
Für ihn war das Zusammenziehen ein Zeichen von Nähe und Verbindlichkeit. Er fühlte sich seitdem stärker geliebt. Sie hingegen deutete den Wegfall der kleinen Aufmerksamkeiten als: „Jetzt wohnen wir zusammen. Jetzt musst Du Dich nicht mehr bemühen.“
Das gleiche Verhalten hatte für beide eine unterschiedliche Bedeutung. Genau dort begann das Missverständnis.
Fünf unterschiedliche Wege, Liebe auszudrücken
Der Paarberater Gary Chapman beschreibt fünf sogenannte „Sprachen der Liebe“. Dieses Modell kann ein hilfreicher Gesprächseinstieg sein, um herauszufinden, woran wir Zuneigung besonders gut erkennen:
Lob und Anerkennung: Wertschätzung hörbar machen. Zum Beispiel ein ehrliches „Danke, dass Du für mich da bist“.
Gemeinsame Zeit: Ungeteilte Zweisamkeit erleben. Weil wir uns wichtig sind.
Geschenke: Kleine Zeichen, die sagen: „Ich habe an Dich gedacht.“
Hilfsbereitschaft: Unterstützung bekommen, wenn sie gebraucht wird.
Zärtlichkeit: Berührungen, Küsse und körperliche Nähe im Alltag.
Achtung: Generell brauchen wir Aufmerksamkeit in allen fünf Bereichen. In der Regel ist aber EIN oder maximal ZWEI Bereiche elementar wichtig für uns, um uns geliebt zu fühlen. Und: Bedürfnisse können sich, wie der Mensch selbst, im Laufe des Lebens verändern. Die Liste soll helfen, darüber ins Gespräch zu kommen. Denn was für mich selbstverständlich ist, wird von meinem Gegenüber oft ganz anders wahrgenommen (oder auch gar nicht 😉
Zurück zum Fallbeispiel
In der gemeinsamen Arbeit wurde deutlich: Für die Frau waren kleine Geschenke besonders bedeutsam. Ihr Mann erlebte Liebe vor allem durch Zärtlichkeit und körperliche Nähe.
Seit dem Zusammenziehen war er viel seltener allein. Schon die Anwesenheit seiner Frau gab ihm ein Gefühl von Verbundenheit. Sie dagegen vermisste die kleinen Zeichen, durch die sie sich früher gesehen und wertgeschätzt gefühlt hatte. Weil sie enttäuscht war, veränderte auch sie ihr Verhalten. Seine Sehnsucht nach Nähe und ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit wurden dadurch immer seltener gestillt.
So entstand ein schmerzhafter Kreislauf: Partner A vermisst ein bestimmtes Zeichen von Liebe und zieht sich zurück. Partner B versteht den Rückzug nicht und reagiert auf seine eigene Weise – die beim Gegenüber nicht als Liebe ankommt.
Dabei gilt: Körperliche Nähe muss sich für beide gut anfühlen. Wenn jemand Abstand sucht, ist es wichtig, diese Grenze zu respektieren und später miteinander darüber zu sprechen. Die „Sprache der Liebe“ ist keine Rechtfertigung dafür, die Bedürfnisse oder Grenzen des anderen zu übergehen.
Was Ihr konkret tun könnt
Statt dem anderen mangelnde Liebe zu unterstellen, fragt Euch: Woran merke ich, dass ich geliebt werde? Was fehlt mir gerade? Was könnte mein Partner oder meine Partnerin konkret tun, damit ich mich gesehen fühle?
Sprecht möglichst klar und ohne Vorwurf. Zum Beispiel:
„Wenn Du mir ab und zu eine kleine Aufmerksamkeit mitbringst, fühle ich mich gesehen. Es geht mir nicht um den Preis, sondern darum, dass Du an mich gedacht hast.“
Oder:
„Wenn Du mich im Alltag spontan berührst oder Dich zu mir setzt, fühle ich mich Dir nah. Können wir gemeinsam schauen, welche Form von Nähe sich für uns beide gut anfühlt?“
Fragt auch nach der Perspektive des anderen: „Was gibt Dir in unserer Beziehung das Gefühl, geliebt zu werden?“ Hört einander zu, ohne sofort zu erklären, warum die eigene Absicht doch eine andere war. Eine gute Absicht und die Wirkung beim anderen können verschieden sein.
Manchmal darf es auch ein liebevoller, spielerischer Satz sein: „Hier steht Dein größtes Geschenk vor Dir: ich.“ Das kann Nähe und Humor schaffen – solange es die kleinen Gesten, die dem anderen wichtig sind, nicht einfach wegwischt.
Liebe muss beim anderen ankommen können
Vielleicht braucht sie öfter kleine Geschenke, als Liebesgeste im Alltag. Vielleicht braucht er stattdessen mehr Zärtlichkeit und spürbare Nähe. Keiner von beiden ist deshalb falsch. Wichtig ist die Erkenntnis, dass der gesagte Satz „Ich liebe Dich“ oft nicht als Tatsache, als Wahrheit gefühlt werden kann, wenn er nicht mit einer Handlung meiner Haupt-Liebessprache verknüpft wird.
Wenn Ihr versteht, was hinter Euren Wünschen und Reaktionen steckt, könnt Ihr bewusster aufeinander zugehen.
Um Liebe und tiefe Verbindung im Alltag fühlbar zu machen, braucht es Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, die eigene Art zu lieben für den anderen selbst wahrzunehmen – und im nächsten Schritt dem Gegenüber verständlich zu machen.
Hast Du Dich wiedererkannt?
Geht es Dir auch so, dass Du Dich in Deiner Beziehung oft nicht geliebt fühlst, obwohl Dein Partner oder Deine Partnerin sagt, dass Liebe da ist?
In einem Einzel-Coaching oder einer Paarberatung können wir gemeinsam herausfinden, welche Bedürfnisse und Missverständnisse hinter Eurem ganz persönlichen Konflikten liegen.
Deine Miriam Völling
Lösungen mit Herz

