Leben nach dem Tod
Jenseits der Wasseroberfläche
Tief unten im Teich lebte eine junge Libellenlarve.
Zusammen mit anderen Larven, Kaulquappen und Molchen verbrachte sie ihre Tage vergnügt zwischen den Wurzeln der Schilfpflanzen – umgeben vom kühlen Schatten der Wasserpflanzen und dem warmen Licht, das von oben durch das Wasser fiel.
Es war ihre Welt.
Sie kannte jeden Winkel, jede Wurzel, jeden vertrauten Schatten.
Und doch war das Leben dort unten nicht immer unbeschwert.
Sie mussten stets auf der Hut sein vor den gefährlichen Fischen, den Fröschen und den spitzen Vogelschnäbeln, die viel zu oft das Leben eines ihrer Spielkameraden von einer Sekunde auf die andere beendeten.
Jedes Mal blieb eine kleine Lücke zurück. Und jedes Mal wurde der jungen Larve bewusst, dass auch ihr eigenes Leben nicht für immer dauern würde.
Manchmal sah sie eine der älteren Larven an einem Schilfstängel nach oben klettern. Die anderen blieben zurück und warteten neugierig.
Doch noch nie war jemand, der die Wasseroberfläche einmal verlassen hatte, zurückgekommen.
„Was geschieht dort oben?“, fragte die junge Larve eines Tages.
„Ich weiß es nicht“, antwortete eine ältere. „Von hier unten können wir nur sehen, dass jemand fortgeht.“
„Und warum kommt niemand zurück?“
Die ältere Larve schwieg. Andere begannen, wilde Theorien aufzustellen. Doch eine wirkliche Antwort hatte niemand.
Eines Morgens spürte die junge Larve selbst diesen seltsamen Drang, nach oben zu steigen. Sie wusste nicht, warum. Sie wusste nur, dass sie ihm folgen musste.
Sie hielt sich am Schilf fest und begann zu klettern.
Je näher sie der Oberfläche kam, desto heller wurde es. Das vertraute Wasser um sie herum schien immer leichter zu werden.
Dann durchbrach sie die Wasseroberfläche.
Plötzlich war nichts mehr so, wie sie es kannte.
Kein Wasser drückte mehr gegen ihren Körper. Etwas Unsichtbares strich über sie hinweg. Sie klammerte sich an den Stängel und blieb ganz still.
Was war das für eine Welt?
Dann begann sich ihr Körper zu verändern.
Die Hülle, die sie ihr ganzes bisheriges Leben getragen hatte, begann sich zu lösen.
Und doch starb sie nicht.
Ganz im Gegenteil.
Aus ihrem alten Körper schälte sich etwas vollkommen Neues. Vier Flügel entfalteten sich – scheinbar aus dem Nichts. Zunächst weich, zerbrechlich und beinahe durchsichtig, dann mit jeder Stunde kräftiger.
Sie spürte die Wärme der Sonne auf ihrem Rücken und wartete.
Schließlich löste sie sich zum ersten Mal vom Schilf.
Angstvoll und mutig zugleich.
Für einen kurzen Augenblick gab es nichts mehr, woran sie sich festhalten konnte.
Keinen Stängel.
Keinen Boden.
Keinen Halt.
Und doch fiel sie nicht.
Die Luft trug sie.
Vorsichtig bewegte sie ihre Flügel.
Sie war so leicht, dass sie kaum noch spürte, wo ihr Körper endete und die Bewegung begann.
Und ihre Flügel trugen sie.
Die ehemalige Larve glitt über den Teich, stieg höher und höher, ließ sich ein Stück vom Wind tragen und entdeckte schließlich, dass sie selbst bestimmen konnte, wohin sie flog.
„Ich fliege!“, schoss es ihr durch den Kopf.
Unter ihr glänzte der Teich. Das Wasser, das einmal ihre ganze Welt gewesen war.
Von hier oben sah sie plötzlich Farben, von deren Existenz sie nichts gewusst hatte: das helle Grün der jungen Blätter, Blüten in Weiß und Gelb und Rot und das tiefe Blau des Himmels zwischen den Wolken.
In den warmen Sonnenstrahlen stiegen die Gerüche von feuchter Erde, Schilf und Blüten zu ihr auf.
Überall war Leben.
Bienen verschwanden in Blüten. Vögel flogen durch die Bäume. Andere Libellen zogen schillernde Bahnen durch die Luft.
Die junge Libelle konnte kaum begreifen, was sie sah.
Sie hatte so lange im Teich gelebt.
Sie hatte geglaubt, diese Welt dort unten sei alles, was es gab.
Und sie hatte keine Ahnung gehabt, wie viel darüber noch auf sie wartete.
Eine Weile flog sie einfach weiter – staunend über diese neue Welt und vielleicht noch mehr über sich selbst.
Dann erinnerte sie sich an die anderen.
Sie kehrte zum Teich zurück und erkannte die Schilfpflanzen und die Stelle, an der sie aus dem Wasser gestiegen war.
Tief unter der glänzenden Oberfläche lebten die anderen Larven.
Ihre Freunde.
Sie wollte zu ihnen hinab.
Wollte ihnen erzählen, dass sie noch da war. Dass das Verlassen des Wassers nicht das Ende gewesen war.
Sie wollte ihnen erzählen, wie sich die Sonne anfühlte. Wie weit der Himmel war. Wie wunderbar es war, vom Wind getragen zu werden.
Vor allem wollte sie ihnen sagen: „Habt keine Angst. Es geht weiter.“
Doch so sehr sie es auch versuchte – sie konnte nicht mehr zurück. Sie konnte nicht mehr schwimmen und erst recht nicht hinabtauchen.
Die Welt, in der die anderen lebten, war nicht mehr ihre Welt.
Eine Weile schwebte sie über dem Wasser. Dann breitete sie ihre Flügel aus, ließ sich vom Wind erfassen und flog weiter, um dieses neue Leben zu erkunden.
Tief unten im Teich sah währenddessen eine kleine Larve einen Schatten über die Wasseroberfläche gleiten. Sie blickte ihm lange nach.
„War das eine von uns?“, fragte sie leise.
Die ältere Larve sah hinauf.
„Das wissen wir nicht“, sagte sie.
Einen Augenblick lang blieben beide still und sahen nachdenklich dem Schatten nach.

