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Die perfekte Mauer

Die perfekte Mauer 

Ein Mönch hatte die Aufgabe, im Klostergarten eine Mauer zu bauen.
Da er noch nie zuvor gemauert hatte, war diese Aufgabe nicht einfach.

Er gab er sich die größte Mühe, alle 1000 Steine, die dafür nötig waren, gerade und gleichmäßig aufeinander zusetzen und einzupassen.

Als die Mauer nach einer Woche harter Arbeit schließlich fertig war, trat der Mönch voller Stolz einen Schritt zurück, um sein Werk zu begutachten.

Da sah er – das durfte doch nicht war sein – dass fünf Steine schief in der Mauer saßen. Ein grauenhafter Anblick!

Noch bevor der Klostervorsteher diese Schande sehen konnte, riss er die Mauer ein – und fing am nächsten Morgen von vorne an.

Am Ende der Woche war die Mauer endlich fertig – da sah er – das durfte doch nicht war sein – drei schiefe Steine im Mauerwerk.

Drei Steine, die jeder von weitem sehen konnte!

Schnell riss er die Mauer ein – und fing am nächsten Morgen von vorne an.

Nach wenigen Stunden kam der Klostervorsteher vorbei und erkundigte sich, warum die Mauer erst drei Reihen aufwies.

»Weil es eine perfekte Mauer wird«, antwortete der Mönch, und mauerte fleißig weiter.
Tag für Tag.
Von früh bis spät.
Bis sie erneut fertig war.

Da sah er – das durfte doch nicht war sein – dass plötzlich sechs Steine schief in der Mauer saßen.

Obwohl er sich doch noch mehr Mühe gegeben hatte, als bei den ersten beiden Versuchen!

Gerade wollte er auch diese Mauer einreißen, als der Klostervorsteher vorbei kam und ihm Einhalt gebot. »Stopp! Warum willst du diese wunderschöne Mauer einreißen?«

»Siehst du nicht die 6 Steine, die sich beim mauern gelöst und nach vorne gedrängt haben?«

»Ja, ich sehe einen«, antwortete der Klostervorsteher. »Und wenn ich lang genug suche, werde ich auch die anderen finden. Nun lass es gut sein, die Mauer ist fertig, mach dich woanders nützlich.«

Mit gesenkten Kopf entfernte sich der Mönch von der mangelhaften Mauer und mied fortan diesen Bereich des Garten.

Viele Monate später, als er einem hohen Besucher den Klostergarten zeigte, kamen sie zufällig an der Mauer vorbei.

Der Gast blieb stehen und begutachtete das Mauerwerk. »Das ist aber eine schöne Mauer!«

»Mein Herr«, erwiderte der Mönche überrascht, »ich glaube, sie brauchen eine Brille. Fallen ihnen denn nicht die sechs schiefen Mauersteine auf?«

Die nächsten Worte des Gastes veränderten die Einstellung des Mönches zu seiner Mauer, zu sich selbst und zu vielen anderen Aspekten des Lebens grundlegend.

»Ja«, sagte der Gast, »ich sehe die hervorstehenden, in Ihren Augen fehlerhaften Backsteine, aber ich sehe auch 994 perfekt in Reih und Glied eingefügten Steine.«

Der Mönche war überwältigt.
Zum ersten Mal sah er, neben den sechs schiefen Mauersteinen, auch die vielen anderen Steine. Sie alle waren tatsächlich perfekt eingesetzt.

Bisher hatte er sich nur auf seine Fehler konzentriert und war allen anderen gegenüber blind gewesen.

(Buddhistische Geschichte – Wie Perfektionismus den Blick auf´s eigene Potential trübt)