Der alte Mann und sein Sohn
Ein sehr alter Mann rief seinen schon lange den Kinderschuhen entwachsenen Sohn zu sich: „Ich werde nicht mehr lange leben. Begleitest du mich ein letztes Mal hoch zum Baum?“
Die Unlust über den Ausflugswunsch seines Vaters spiegelte sich nur zu deutlich auf seinem Gesicht.
Doch plötzlich erleuchtete sein Antlitz.
Anscheinend erinnerte sich Sohn, dass man von ganz oben auf die endlosen Felder, Weinberge sowie das herrliche Gestüt blicken konnte, die er bald erben würde.
Mit vor Stolz geschwollener Brust sagte er zu.
Der alte Mann hatte große Mühe, den Berg zu erklimmen und blieb immer wieder stehen, um zu verschnaufen.
Jedes Mal, wenn er wieder ausreichend Luft bekam, begann er seinem Sohn von früher zu erzählen.
Von der Zeit, als er selbst im Alter seines Sohnes und ohne jeden Reichtum gewesen war.
Und von der Zeit, wo sein einziger Sohn noch ein Baby war.
Doch sein Sohn wollte nichts davon hören. Drängelte, wie ein kleines Kind, dem es nicht schnell genug ging:
„Papa, spar dir deinen Atem. Nutze ihn lieber, um schneller vorwärtszukommen. Bevor es zu spät ist und die Dämmerung hereinbricht, so dass wir all‘ die Pracht und Herrlichkeit deines angehäuften Reichtums und Erfolges nicht mehr sehen können.“
Da schwieg der alte Mann enttäuscht.
Ihm wurde ganz schwer und kalt ums Herz. Kurz bevor sie den Gipfel erreichten, brach die Nacht herein und sein Sohn wurde zornig:
„Alle Mühe und Quälerei umsonst, Vater. Es ist zu dunkel.“
„Da unten gibt es nichts zu sehen, dass du nicht schon kennst.
Der Weg hätte dir Neues enthüllen sollen“, sprach der alte Mann und setzte sich.
Lehnte sich mit seinem in den Jahren krumm gewordenen Rücken, an den einzigen Baum weit und breit.
Dann schloss er seine Augen.
„Lass uns gehen“, forderte sein Sohn unwirsch.
Doch der Alte blieb still sitzen.
So blieb dem Sohn am Ende nichts anderes übrig, als sich neben seinen Vater ins Gras zu legen und zu warten.
Im Nu wurde es stockdunkel, nicht mal der Mond ließ sich blicken. Unmöglich, den steilen Berg ungefährdet hinabgehen zu können.
Um Mitternacht erwachte der Sohn.
Er war wohl kurz eingenickt.
Die Wolken hatten sich alle verzogen und er blickte in den klarsten Sternenhimmel, den er jemals gesehen hatte.
„Schau, mein neues Zuhause“, sprach der alte Mann, und blickte mit einem seligen Lächeln auf den Lippen hoch, zum endlosen Universum.
Verärgert darüber, dass sie hier oben die Zeit vergeudeten, schwieg sein Sohn.
Als ihm bewusst wurde, dass die Sterne auch den Weg nach unten beleuchteten, stand er auf und mahnte zum Aufbruch.
Doch sein Vater war bereits zu den Sternen aufgestiegen.
Quelle: Miriam Völling

